Mittwoch, 25. August 2010

Synchronizität


Um noch mal auf Gründe der Faszination von ATS zurück zu kommen: In Edward T. Halls Buch "The Dance of Life" gab es noch mehr interessante Ansätze zum Nachdenken. Er schreibt ausführlich über das Konzept des Synchronisiertseins in der Zeit - mit einer anderen Person, der Familie, ganzen Gruppen, einer gesamten Kultur. Er hebt hervor dass es es für Menschen, Gruppen, Orte und Kulturen jeweils grundlegende Rhythmen gibt. Wenn jemand mit dem Rhythmus seiner Gruppe, Kultur etc. nicht mehr synchron ist, bekommt er Probleme oder fühlt sich abgeschnitten, ohne zu wissen, warum eigentlich. Menschen haben ihren eigenen Rhythmus - manche einen sehr schnellen, manche eher durchschnittliche, immer im Vergleich mit ihrer Gruppe. In Kulturen, in denen Menschen eng miteinander verbunden sind, erspüren diese das sehr deutlich.

Unsere eigene Kultur trainiert unsere Empfänglichkeit für diese Rhythmen eher nicht. Allerdings können wir es erleben, dass das Zusammensein mit bestimmten Menschen unseren eigenen Rhythmus aus dem Takt bringt und uns ungeschickt werden lässt, wir lassen Dinge fallen oder fühlen uns innerlich unruhig. Wir sind nicht aufeinander eingestimmt, nicht synchron. Bei anderen Leuten wiedrum haben wir das Gefühl, mit ihnen ohne jede Anstrengung zusammen arbeiten zu können, alles wird leicht, wir fühlen uns "richtig" und es macht Spaß. Wir sind auf diese Menschen eingestimmt und ihre Rhythmen passen zu uns... Demnach ist klar, dass es keine gute Idee ist, jemanden zu heiraten, dessen Rhythmus vom eigenen völlig verschieden ist. ... Während das alles einem Anghörigen des westlichen Kulturkreises esoterisch vorkommen mag, erinnert es mich an ein Konzept aus dem arabischen Raum. Ich habe einmal gelesen, dass es in er arabischen Kultur normal ist, davon auszugehen, dass jede Person einen ganz eigenen Rhythmus bzw. eine Melodie hat. So tanzen sie bei einer Party immer dann, wenn Musik gespielt wird, die diesem inneren eigenen Rhythmus entspricht. In Marokko ist der Einfluss dieser inneren Musik auf die Menschen so stark, dass sie darüber quasi hypnotisiert werden können. Dieser innere Rhythmus ist auch in dortigen Heilungsprozessen und -ritualen sehr wichtig.

Einige Kulturen messen dem Synchronsein sehr hohen Wert bei, z. B. Japan. Dort ist traditionell die Gruppe wichtiger als das Individuum. Um aufeinander eingestimmt zu sein und die Rhythmen zu synchronisieren, arbeiten Team-Mitglieder z. B. oft im selben Raum. Auch die Team- und Gruppenleiter bleiben so bei ihren Mitarbeitern. Bevor Sumoringer mit ihrem Kampf beginnen dürfen, müssen sie ihre Atmung synchronisieren. Vergleichen wir mit unserer eigenen Kultur: Platz für einen allein ist ein Statussymbol. Der Chef hat immer sein eigenes Büro. Konkurrenz und eigene Profilierung ist in Teams oft wichtiger als die gesamte Gruppe. Wir erhoffen von östlichen Praktiken wie Meditation, Atemübungen etc., dass sie uns Entspannung von unserem hektischen Arbeitsstil bringen und uns helfen, wieder mit dem Universum in Verbindung kommen, wenn wir uns von allem abgeschnitten fühlen.

ATS ist ein Tanz, in dem das Konzept der Synchronizität sehr wichtig ist. Alle ATS Gründerfiguren, wie Carolena Nericcio und Kajira Djoumahna, betonen stets, dass die Gruppe als Ganzes wichtig ist, nicht die einzelne Tänzerin. Alles, was eine ATS-Tänzerin tut, soll helfen, die Wirkung der Gruppe zu verbessern und zu verschönern, wir sollen immer wie ein Schwarm Vögel oder Fische als harmonisches Ganzes tanzen. Das ist kein Tanz für Solo-Diven, die die Bühne für sich alleine brauchen und alle Aufmerksamkeit stets auf sich ziehen. In diesem Zusammenhang sind Übungen wie die "Moving Meditation", die Carolena Nerricio zuerst eingeführt hat, sehr sinnvoll: Sie unterstützen die Tänzerinnen dabei, sich aufeinander einzustimmen und zu synchronisieren.

Das alles kann sehr gut erklären, warum manchmal eine Tänzerin nicht in eine ATS-Gruppe passt: Wenn die Frauen viel miteinander tanzen, achten sie aufeinander und sind stets eingestimmt. Ihre Kommunikation und Synchronizität geschieht wie von selbst ohne Anstrengung. Sie wirken nie so, als ob sie sich schwer konzentrieren müssen oder hart arbeiten, sie bewegen sich anmutig, sicher, leicht und mit einem Lächeln. Und sie entwickeln einen eigenen Gruppen-Rhythmus. Sie werden wahrscheinlich ihren Musikgeschmack angleichen und dieselbe Musik bevorzugen. Natürlich wird es bessere Tage als andere geben. Manchmal sind die Tänzerinnen ganz einfach synchron, an anderen Tagen wird es konkurrierende Rhythmen geben und alles nicht so glatt ablaufen. Wenn eine neue Tänzerin mit ihrem fremden Rhythmus in die Gruppe kommt, wird sie wahrscheinlich erst einmal den Gruppenrhythmus aus dem Takt bringen. Am Ende wird sie aber entweder auf die anderen eingestimmt sein, oder sie wird einfach nicht in die Gruppe passen und kann nicht dauerhaft Mitglied sein. Also gibt es einen klaren Zusammenhang zwischen Synchronizität und Gruppenzusammenhalt.

Ein weiterer Aspekt der Synchronizität, der bereits erwähnt wurde, ist die Einstimmung auf die jeweilige Umgebung. Wenn wir auf das, was uns umgibt, eingestimmt sind, erreichen wir alles ganz leicht. Sich aber krampfhaft um etwas bemühen und sich zu sehr anzustrengen verhindert Synchronizität. Ich habe das mehrmals selbst erlebt, als ich noch Pferde geritten habe. Wenn ich mich auf eine Lektion zu sehr konzentrierte, verlor ich die Einstimmung mit dem Pferd. Wenn ich loslassen konnte und mich nicht mehr krampfhaft bemühte, gelang die Lektion dann ganz mühelos, wie durch Magie. Das gleiche gilt fürs Tanztraining: Sich zu sehr auf eine Übung versteifen hilft gar nichts. Ein leichtfüßigeres Herangehen und die Einstimmung auf die Gruppe ist oft hilfreicher und macht auch mehr Spaß!

Eine solche synchronisierte Gruppenerfahrung kann sehr gut die Faszination, die ATS auf die Tänzerinnen ausübt, erklären, die Energie, die sie zusammen erschaffen und die auch das Publikum mit einbezieht und mit der Gruppe synchronisiert. Es scheint kein Zufall zu sein, dass die Inspiration für diese Tanzform aus Kulturen kommt, in denen die Gruppe und die Einstimmung auf die Gruppe sehr wichtig ist. Die Wurzeln des ATS liegen im nahöstlichen Bauchtanz, die Moving Meditation kommt aus dem indischen Tanz, und auch die Musik ist oft östlich oder hat orientalische Einflüsse. Es sieht ganz so aus, als ob unsere Kultur noch jede Menge zu lernen hat über Synchronizität und die Einstimmung auf das, was uns umgibt!

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