Sonntag, 1. August 2010




Letztes Wochenende musste ich an beiden Tage für meine Firma arbeiten, das Shooting einer Videofilmreihe für die Kampagne unseres neuen Produktes stand auf dem Plan. An diesem Wochenende fand auch das traditionelle Bielefelder Sparrenburgfest statt, ein Mittelalterspektakel. In den vergangenen Jahren, seit ich in der Stadt lebe, bin ich immer hingegangen. In den letzten drei Jahren war ich im Tribal-Kostüm dort mit einer meiner Tanzschwestern. Dazu kam immer eine ihrer alten Freundinnen, die nicht mehr in der Gegend lebt aber zum Sparrenburgfest immer kommt und heute Mitglied von Shir o Shakar ist, und eine meiner Ex-Schülerinnen aus einer anderen Stadt, ein Mittelaltermarkt-Fan und auch Tribaltänzerin, die mich zu diesem Anlass immer besucht hat. Zusammen kamen wir aus drei Stämmen und hatten nicht immer die gleichen Bewegungen und das gleiche Format im Program, aber wenn die Musik passte, haben wir doch miteinander getanzt, da wir so in etwa die gleiche Basis haben. Klar waren wir für die Besucher auch immer ein schönes Fotomotiv und mussten oft posieren.

Dieses Mal war ich aber nicht sicher, dass ich es zum Sparrenburgfest schaffen würde. Die Tanzschwester, mit der ich immer hingegangen war, wurde im Mai Mama und kam diesmal nicht im Tanz-Outfit, und ihre Freundin konnte dieses Jahr leider nicht kommen. Aufgrund meiner Arbeitsbelastung verzichtete meine Freundin auf den Besuch in diesem Jahr. Dafür wollten aber meine beiden anderen Tanzschwestern losziehen und eine hatte auch Gäste eines Hannoveraner Stammes eingeladen. Als ich also einigermaßen zeitig von der Arbeit nach Hause kam, schmiss ich mich zackig in mein Tribalkostüm "light" und machte mich für die letzten beiden Stunden noch auf zur Sparrenburg. Also gab es wieder ein Stämmetreffen, diesmal mit Vertreterinnen von zwei Stämmen, alle vier von uns waren da - auch wenn nur drei auf Tanzen eingestellt waren. Und wir tanzten gemeinsam, auch wenn unser Bewegungsrepertoire nicht komplett identisch war.

Als die Band zwischen zwei Stücken pausierte, kam eine Besucherin auf mich zu, die auch "triballig" aufgemacht war. Sie sagte, sie komme aus einer Stadt im Umkreis und tanze auch Tribal, ihre Gruppe sei auch da und sie treten demnächst auch irgendwo auf. Wir luden sie spontan ein, mit uns zu tanzen aber sie lehnte mit dem Hinweis ab, dass ja jede Gruppe so ihren Stil hat und daher nicht mit einer anderen tanzen könne. Dieses merkwürdige Argument hatte ich in den vergangenen Jahren schon gelegentlich gehört, wenn wir von anderen Besucherinnen angesprochen wurden, die auch angaben, Tribal zu tanzen.

Ich habe schon oft hier und anderswo geschrieben, dass ich der Überzeugung bin, dass ATS - das Originalformat von FatChanceBellyDance - die Basis allen Tribals ist. Das kann dann von anderen Formaten gefärbt werden, BSBD, Gypsy Caravan, Domba, die Entwicklung eigener Bewegungen und Kombos - aber die Basis sollte eben ATS sein und wenn das der Fall ist, können auch alle Tänzerinnen miteinander tanzen, auf der ganzen Welt. Übrigens berichtete neulich eine Bekannte vom Besuch eines Workshops von Rachel Brice. Rachel habe andauernd auf ATS, das FatChance-Format verwiesen als Basis von Tribal, also auch Tribal Fusion. Sie verwies stets darauf, bei Haltung, Armhaltung etc. Also bitte.

Dennoch scheint das immer noch für viele im Lande neu zu sein - ohne tatsächlich neu zu sein. Es sickert anscheinend nur langsam durch. Statt dessen haben die Leute die merkwürdigsten Ansichten zu ATS: Die ATS-Haltung sei ungesund für den Rücken, weil man im Hohlkreuz stehe, das ATS-Cue-System sei "rudimentär" (???), ATS-Tänzerinnen haben häßliche Füße und dergleichen völling unbegründeten Unsinn mehr. Manche behaupten gar, ATS sei für Tribal gar nicht wichtig.

Nun, sogar Rachel Brice sieht das anders. Und von der Liste derjenigen, die zuletzt bei der in Deutschland aktiven FCBD-Lehrerin Martha Saunders Workshops besuchten, auszugehen, sehen es auch die besten Tribal Fusion-Gruppen in Deutschland anders, da sich eben auch Tänzerinnen von z. B. Perlatentia und Shir o Shakar in diesem Stil weiterbilden. Wieso die wohl nicht glauben, ATS sei nicht wichtig?

Zurück zu meiner Unterhaltung mit dieser Tänzerin auf dem Sparrenburgfest: Ich sagte ihr, dass Tänzerinnen, die ATS als Basis haben, sehr wohl gemeinsam tanzen können, auch wenn das gesamte Repertoire nicht identisch ist - schließlich machten wir das ja mit unseren Freunden, und auch mit anderen Tänzerinnen, die wir auf einschlägigen Workshops treffen und gar nicht kennen. Dann sagte sie etwas in der Richtung, dass wir ja keinen richtigen ATS-Stil tanzen, wir wären so weich... Das war nun etwas überraschend, da meine Gruppe zur Zeit nur ATS trainiert und tanzt, wir jeden möglichen Workshop mit FCBD-Lehrerinnen im letzten Jahr besucht haben, von Martha, Wendy Allen, sogar Carolena Nericcio, inklusive Intensiv-Coaching mit Martha. Also wies ich darauf hin, dass wir in der Tat ATS tanzen, wenngleich auch nicht perfekt oder fehlerlos, aber definitv ATS. Dann meinte sie, sie kenne diesen Stil hauptsächlich von den FCBD DVDs und Gonda, der Leiterin des brillianten niederländischen Tribal Fusion-Ensembles "Tribal Mystica". Nun, tatsächlich hatte ich auch mal bei Gonda Unterricht und weiß, wer ihre Tribal-Lehrerin ist und dass sie für ihre Gruppe ATS abgewandelt hat, die Bewegungen härter, weniger weich und fließend, eben mehr "Gothic" macht. Also haben nicht wir was abgewandelt, sondern die Lehrerin meiner Gesprächspartnerin... Ich sagt ihr, dass wir sehr viel Unterricht bei den Originalen nehmen, Wendy, Carolena etc., um ihr mal einen Hinweis darauf zu geben darauf, dass sie nicht Expertin spielen müsse wo sie es nicht ist, und nebenbei der Unterricht von den Originalen in Deutschland zu haben ist - für die, die es denn lernen wollen. Sie behauptete dann, das Cue-System von FCBD sei ja auch speziell, wie auf der entsprechenden DVD zu sehen. Ich meinte, ja, das kennen wir und machen wir auch so, und oft ist in diesem Format eben der Cue der Beginn der Bewegung, so dass man schnell sein und genau auf die Führende achten müsse. Darauf meinte sie, ihre Gruppe seien noch Anfängerinnen und da müssten die Cues noch richtig deutlich und sichtbar gemacht werden. Na ja, ich sah mir ihre Gruppe daraufhin mal an und finde die Einschätzung, dass sei Anfängerinnen seien, richtig: Da haperte es noch an der Haltung - immer ein gutes Zeichen, wo man als Tribaltänzerin so steht - und ich fragte mich, ob es wohl eine gute Idee sei, mit Anfängern in diesem frühen Stadium aufzutreten. Außerdem, ganz ehrlich, leuchtet mir gar nicht ein, dass man Schülern Dinge auf eine falsche Weise beibringen sollte mit dem Argument, das Richtige sei noch zu schwierig. Niemals Schülern etwas beibringen, was sie wieder umlernen müssen! Umlernen ist viel schwieriger als von Anfang an richtig lernen. Allerdings heißt das auch, dass es ein bisschen länger dauern kann, bis man reif für einen Auftritt vor Publikum ist. Aber was ist daran verkehrt? Das gilt ja für jede andere Tanzart auch, dass man erst die Basis ordentlich lernen muss, einen gewissen Grad an Können und Sicherheit erwerben muss, bevor man auftritt. Warum soll das für Tribal nicht so sein?

Aber in Deutschland sind immer noch so viele unwillig, zu lernen, was die Basis ihres Tanzes angeht, sogar nur herauszufinden, was denn ATS ist und warum es wichtig ist. Das ist erstaunlich... andererseits, da ja viele Tribal-Jungstars dies durchaus ernst nehmen und ATS lernen, habe ich auch wieder Hoffnung. Denn ich habe diese verbindende Kraft des Tanzes, auf ATS basierend, mehrmals erfahren: Auf dem Sparrenburgfest, mit meiner Gruppe, mit fremden Tänzerinnen auf Workshops, die ich vorher noch nie gesehen hatte - wir können zusammen tanzen, jawohl! Und es macht Spaß und bringt so viel Energie, wenn man mit anderen Frauen tanzen kann! Tribal verbindet - wenn man eben Tribaltänzerin ist!

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