Mittwoch, 25. August 2010

Synchronizität


Um noch mal auf Gründe der Faszination von ATS zurück zu kommen: In Edward T. Halls Buch "The Dance of Life" gab es noch mehr interessante Ansätze zum Nachdenken. Er schreibt ausführlich über das Konzept des Synchronisiertseins in der Zeit - mit einer anderen Person, der Familie, ganzen Gruppen, einer gesamten Kultur. Er hebt hervor dass es es für Menschen, Gruppen, Orte und Kulturen jeweils grundlegende Rhythmen gibt. Wenn jemand mit dem Rhythmus seiner Gruppe, Kultur etc. nicht mehr synchron ist, bekommt er Probleme oder fühlt sich abgeschnitten, ohne zu wissen, warum eigentlich. Menschen haben ihren eigenen Rhythmus - manche einen sehr schnellen, manche eher durchschnittliche, immer im Vergleich mit ihrer Gruppe. In Kulturen, in denen Menschen eng miteinander verbunden sind, erspüren diese das sehr deutlich.

Unsere eigene Kultur trainiert unsere Empfänglichkeit für diese Rhythmen eher nicht. Allerdings können wir es erleben, dass das Zusammensein mit bestimmten Menschen unseren eigenen Rhythmus aus dem Takt bringt und uns ungeschickt werden lässt, wir lassen Dinge fallen oder fühlen uns innerlich unruhig. Wir sind nicht aufeinander eingestimmt, nicht synchron. Bei anderen Leuten wiedrum haben wir das Gefühl, mit ihnen ohne jede Anstrengung zusammen arbeiten zu können, alles wird leicht, wir fühlen uns "richtig" und es macht Spaß. Wir sind auf diese Menschen eingestimmt und ihre Rhythmen passen zu uns... Demnach ist klar, dass es keine gute Idee ist, jemanden zu heiraten, dessen Rhythmus vom eigenen völlig verschieden ist. ... Während das alles einem Anghörigen des westlichen Kulturkreises esoterisch vorkommen mag, erinnert es mich an ein Konzept aus dem arabischen Raum. Ich habe einmal gelesen, dass es in er arabischen Kultur normal ist, davon auszugehen, dass jede Person einen ganz eigenen Rhythmus bzw. eine Melodie hat. So tanzen sie bei einer Party immer dann, wenn Musik gespielt wird, die diesem inneren eigenen Rhythmus entspricht. In Marokko ist der Einfluss dieser inneren Musik auf die Menschen so stark, dass sie darüber quasi hypnotisiert werden können. Dieser innere Rhythmus ist auch in dortigen Heilungsprozessen und -ritualen sehr wichtig.

Einige Kulturen messen dem Synchronsein sehr hohen Wert bei, z. B. Japan. Dort ist traditionell die Gruppe wichtiger als das Individuum. Um aufeinander eingestimmt zu sein und die Rhythmen zu synchronisieren, arbeiten Team-Mitglieder z. B. oft im selben Raum. Auch die Team- und Gruppenleiter bleiben so bei ihren Mitarbeitern. Bevor Sumoringer mit ihrem Kampf beginnen dürfen, müssen sie ihre Atmung synchronisieren. Vergleichen wir mit unserer eigenen Kultur: Platz für einen allein ist ein Statussymbol. Der Chef hat immer sein eigenes Büro. Konkurrenz und eigene Profilierung ist in Teams oft wichtiger als die gesamte Gruppe. Wir erhoffen von östlichen Praktiken wie Meditation, Atemübungen etc., dass sie uns Entspannung von unserem hektischen Arbeitsstil bringen und uns helfen, wieder mit dem Universum in Verbindung kommen, wenn wir uns von allem abgeschnitten fühlen.

ATS ist ein Tanz, in dem das Konzept der Synchronizität sehr wichtig ist. Alle ATS Gründerfiguren, wie Carolena Nericcio und Kajira Djoumahna, betonen stets, dass die Gruppe als Ganzes wichtig ist, nicht die einzelne Tänzerin. Alles, was eine ATS-Tänzerin tut, soll helfen, die Wirkung der Gruppe zu verbessern und zu verschönern, wir sollen immer wie ein Schwarm Vögel oder Fische als harmonisches Ganzes tanzen. Das ist kein Tanz für Solo-Diven, die die Bühne für sich alleine brauchen und alle Aufmerksamkeit stets auf sich ziehen. In diesem Zusammenhang sind Übungen wie die "Moving Meditation", die Carolena Nerricio zuerst eingeführt hat, sehr sinnvoll: Sie unterstützen die Tänzerinnen dabei, sich aufeinander einzustimmen und zu synchronisieren.

Das alles kann sehr gut erklären, warum manchmal eine Tänzerin nicht in eine ATS-Gruppe passt: Wenn die Frauen viel miteinander tanzen, achten sie aufeinander und sind stets eingestimmt. Ihre Kommunikation und Synchronizität geschieht wie von selbst ohne Anstrengung. Sie wirken nie so, als ob sie sich schwer konzentrieren müssen oder hart arbeiten, sie bewegen sich anmutig, sicher, leicht und mit einem Lächeln. Und sie entwickeln einen eigenen Gruppen-Rhythmus. Sie werden wahrscheinlich ihren Musikgeschmack angleichen und dieselbe Musik bevorzugen. Natürlich wird es bessere Tage als andere geben. Manchmal sind die Tänzerinnen ganz einfach synchron, an anderen Tagen wird es konkurrierende Rhythmen geben und alles nicht so glatt ablaufen. Wenn eine neue Tänzerin mit ihrem fremden Rhythmus in die Gruppe kommt, wird sie wahrscheinlich erst einmal den Gruppenrhythmus aus dem Takt bringen. Am Ende wird sie aber entweder auf die anderen eingestimmt sein, oder sie wird einfach nicht in die Gruppe passen und kann nicht dauerhaft Mitglied sein. Also gibt es einen klaren Zusammenhang zwischen Synchronizität und Gruppenzusammenhalt.

Ein weiterer Aspekt der Synchronizität, der bereits erwähnt wurde, ist die Einstimmung auf die jeweilige Umgebung. Wenn wir auf das, was uns umgibt, eingestimmt sind, erreichen wir alles ganz leicht. Sich aber krampfhaft um etwas bemühen und sich zu sehr anzustrengen verhindert Synchronizität. Ich habe das mehrmals selbst erlebt, als ich noch Pferde geritten habe. Wenn ich mich auf eine Lektion zu sehr konzentrierte, verlor ich die Einstimmung mit dem Pferd. Wenn ich loslassen konnte und mich nicht mehr krampfhaft bemühte, gelang die Lektion dann ganz mühelos, wie durch Magie. Das gleiche gilt fürs Tanztraining: Sich zu sehr auf eine Übung versteifen hilft gar nichts. Ein leichtfüßigeres Herangehen und die Einstimmung auf die Gruppe ist oft hilfreicher und macht auch mehr Spaß!

Eine solche synchronisierte Gruppenerfahrung kann sehr gut die Faszination, die ATS auf die Tänzerinnen ausübt, erklären, die Energie, die sie zusammen erschaffen und die auch das Publikum mit einbezieht und mit der Gruppe synchronisiert. Es scheint kein Zufall zu sein, dass die Inspiration für diese Tanzform aus Kulturen kommt, in denen die Gruppe und die Einstimmung auf die Gruppe sehr wichtig ist. Die Wurzeln des ATS liegen im nahöstlichen Bauchtanz, die Moving Meditation kommt aus dem indischen Tanz, und auch die Musik ist oft östlich oder hat orientalische Einflüsse. Es sieht ganz so aus, als ob unsere Kultur noch jede Menge zu lernen hat über Synchronizität und die Einstimmung auf das, was uns umgibt!

Dienstag, 17. August 2010

Ein Verein für Tribal


Heute verließ ich das Büro ziemlich pünktlich, ich hatte einen Termin beim Notar, um einen Verein, den Tribal-D.A.CH-Verein, ins Vereinsregister eintragen zu lassen. Ich bin eine der sieben Gründerinnen und die 1. Vorsitzende und als solche kümmere ich mich um die Formalien. Ich wurde in einen Besprechungsraum geführt und als der Notar herein kam und mir die Hand gab, sagte er: "Also eine kleine Vereinsregistrierung" oder sowas. Hmmm, nun, für mich ist das nicht "klein". Obwohl ich schon in verschiedenen Vereinen Mitglied - oft auch ein aktives Mitglied – war, habe ich noch nie einen gegründet und ich hatte keine rechte Vorstellung davon, wie viel Arbeit das wirklich bedeutet (eine Satzung aufsetzen, die Formalien, die kreative Anstrengung, Inhalte zu erarbeiten, Ideen zu entwickeln ... als ob mein Vollzeit-Job, mein Tribalstamm und das Leben allgemein mich nicht schon genug auf Trab hielten!).

Ich glaube, auch den anderen sechs war das nicht immer so klar... Eigentlich, wenn ich es so recht bedenke, kannten wir uns alle gar nicht so richtig, wir leben auch alle recht weit voneinander entfernt. Oder, um präziser zu sein: Einige wohnen näher beieinander und kennen sich besser, aber insgesamt sind wir schon ein gemischter Haufen.

Für mich begann alles mit meinen ersten Wendy Allen Workshops – so wie dieser Blog, meine große Liebe zu ATS etc., irgendwie hat es mein Leben verändert ... Jedenfalls, diesen Workshop hatte Gabriella organisiert, die Leiterin einer der ersten deutschen Tribalstämme, Neas Tribal, und ich traf dort einige ihrer Schülerinnen und einige Tänzerinnen aus dem hohen Norden und dem tiefen Süden und so einigen Orten zwischendrin. Eine davon machte ein Internetforum auf für Tänzerinnen mit einem echten Interesse an Tribal und ATS und dort kamen wir alle zusammen, diskutierten, teilten unser Wissen und, auch das ist leider wahr, beklagten häufig das Niveau von und Wissen über Tribal in Deutschland allgemein... Irgendwann kam die Idee auf, einen Verein zu gründen, der Tribal Style Belly Dance, ATS, Tribal Fusion in den Mittelpunkt stellt – ein Ort, um Wissen zu diesen Tanzformen zu sammeln und zu bündeln, zu überlegen, wie man die Qualität des Unterrichts darin verbessern kann, zum Netzwerken und so vielem mehr.

Wir trafen uns auch persönlich, zum Beispiel auf Workshops von Wendy, Martha, Kajira, Amy Sigill, Kami Liddle etc. und wir tanzten zusammen – ATS, weil das die Wurzel und die Basis von allem Tribal ist, wovon wir fest überzeugt sind – und daher können wir auch zusammen tanzen wenn wir uns mal treffen. Ich muss allerdings sagen, auch wenn Tanzen harte Arbeit ist, so macht es doch viel mehr Spaß! Einen Verein gründen und ins Leben zu rufen ist anstrengender – wir merkten bald, dass wir an einigen Punkten arbeiten mussten, wir nicht immer in allem einig waren etc. Aber wir haben es geschafft! Wir sind an dem Punkt angekommen, dass wir nun weitere Mitglieder einladen und aufnehmen, die Neuigkeiten zu Tribal verbreiten können, im echten Tribal-Spirit!

Als er die Papiere durch sah, las der Notar "Tribal Style Dance" und fragte, was das denn wäre, das hätte er noch nie gehört. Nun, das ist genau der Punkt ... aber wie darauf antworten in einem Satz, wenn das Gegenüber nicht die geringste Ahnung hat? Ich sagte, es sei eine aus dem Bauchtanz entstandene eigene Tanzform, die von außen etwas folkloristischer aussähe (häh?) und dachte: Höchste Zeit für den Verein, um diese Frage überflüssig zu machen ... also: Los geht's! Ihr findet uns bei www.tribaldach.de und www.myspace.com/tribaldach-verein.

Sonntag, 8. August 2010

Cues folgen


Neulich hatte ich eine Unterhaltung mit einer anderen Tänzerin auf dem Sparrenburg, die glaubte, dass Cues für Anfängerinnen groß und extra sichtbar sein müssen, weil sie mit dem Cue-System von ATS, also FatChanceBellyDance, überfordert wären. Daraufhin habe ich meine Erinnerungen durchforstet danach, wie ich Cues "gelernt" habe. Ich glaube, in meinem ersten Stamm gab es keine Verzögerungen nach einem Cue. Die Führende wechselte den Move und alle folgten sofort.

Als ich nach Bielefeld gezogen war, hatte ich ein paar Workshops besucht, um meine Tribal-Kenntnisse wieder aufzufrischen. Die Workshop-Leiterinnen hatten einen verzögerten Einsatz nach Cues unterrichtet – allerdings noch recht "nah" am Wechsel: Die Armhaltung für den nächsten Move erfolgt dabei auf den beiden letzten Schlägen des gerade getanzten Moves (i.d.R. 3/4 bzw. 7/8 ). Ich nenne dieses Phänomen mal "Cue-Verzögerung".

Also hatte ich das auch so übernommen und auch unterrichtet, denn es hatte ja was Logisches. Und erst bei den Workshops von Wendy Allen vor zwei Jahren kam diese Cue-Verzögerung auf den Prüfstand. Danach haben wir das Prinzip auch in unserer Gruppe immer mehr aufgeweicht, bis wir ganz auf FCBD-Stil umstiegen und damit die Cue-Verzögerung fast komplett abgeschafft haben.

Jetzt hatte ich mich mit meiner Stammesschwester darüber noch mal unterhalten, wie das denn genau unserem letzten Stamm war und wie die sie unterrichtet hatten - sie hatte bei diesem Stamm mit Tribal angefangen. Und sie sagte was ganz Interessantes, nämlich dass sie als Anfängerin sich mit dieser Cue-Verzögerung total überfordert fühlte. Ein Move ist ja ein in sich geschlossenes Element, dass man inkl. Armhaltung lernt – und dann soll man das also noch verändern, um in das nächste, wieder in sich geschlossene Element zu gehen. Wenn man das mal genau betrachtet, dann sind die diversen Übergänge in diesem System ja auch wieder spezielle Moves, die man zusätzlich "lernen" muss (z. B. bei Übergang Arabic in Double Choochoo 2 Schläge Arabic in Double Choochoo-Armhaltung etc.). Sie findet es jetzt viel leichter, einfach "reinzugehen" in die nächste Bewegung.

Eine andere Stammesschwester hat, seit wir auf FCBD-Format umgestellt haben, einen Riesensprung gemacht und sich total schnell weiterentwickelt und führt auch lieber mal (dazu musste man sie immer ein bisschen treten). Ihre Standardfrage beim Führen war immer: "Wie komme ich hier raus?" Dann hatten wir immer diese Cue-verzögerten Übergänge geübt. Heute sagen wir dann nur: Wo willst Du hin? Dann mach' das einfach. Und wuppdich klappt das auch. Daher vermute ich, dass es da einen Zusammenhang gibt. Mal ganz abgesehen davon, dass bei uns die Bremse gelöst ist und wir viel mehr Spaß haben!

Ich vermute also, Cue-Verzögerung ist nicht nur eine "Bremse" beim möglichen Tempo (Power-Tribal) sondern auch keineswegs hilfreich für Anfänger. Eine der Dozentinnen, bei der ich einen Tribal-Workshop belegt hatte, meinte, zum Einstieg in neue Moves sei es eine Hilfe, wenn man nach dem Cue die laufende Bewegung noch 1-2mal weiter macht und dann erst wechselt. Ich fand das extrem irritierend, weil ich als Folgende ja den Cue erst sehe und dann quasi rückwärts rechnen muss – also beim Lernen einer Bewegung auch noch die "1" suchen muss und von da an weiter zählen und dann auch noch einen sauberen Wechsel ins nächste Element zu machen. Uff.

Ich hatte Wendy Allen davon erzählt und nach ihrer Meinung gefragt. Sie schüttelte nur den Kopf und meinte, wenn FCBD tanzen, dann sei das wie Achterbahnfahren – man muss halt zusehen, dass man dran bleibt. Diese Metapher ist seither bei meiner Gruppe Programm: Wir machen die Musik an, fahren Achterbahn und haben einen Heidenspaß dabei!

Sonntag, 1. August 2010




Letztes Wochenende musste ich an beiden Tage für meine Firma arbeiten, das Shooting einer Videofilmreihe für die Kampagne unseres neuen Produktes stand auf dem Plan. An diesem Wochenende fand auch das traditionelle Bielefelder Sparrenburgfest statt, ein Mittelalterspektakel. In den vergangenen Jahren, seit ich in der Stadt lebe, bin ich immer hingegangen. In den letzten drei Jahren war ich im Tribal-Kostüm dort mit einer meiner Tanzschwestern. Dazu kam immer eine ihrer alten Freundinnen, die nicht mehr in der Gegend lebt aber zum Sparrenburgfest immer kommt und heute Mitglied von Shir o Shakar ist, und eine meiner Ex-Schülerinnen aus einer anderen Stadt, ein Mittelaltermarkt-Fan und auch Tribaltänzerin, die mich zu diesem Anlass immer besucht hat. Zusammen kamen wir aus drei Stämmen und hatten nicht immer die gleichen Bewegungen und das gleiche Format im Program, aber wenn die Musik passte, haben wir doch miteinander getanzt, da wir so in etwa die gleiche Basis haben. Klar waren wir für die Besucher auch immer ein schönes Fotomotiv und mussten oft posieren.

Dieses Mal war ich aber nicht sicher, dass ich es zum Sparrenburgfest schaffen würde. Die Tanzschwester, mit der ich immer hingegangen war, wurde im Mai Mama und kam diesmal nicht im Tanz-Outfit, und ihre Freundin konnte dieses Jahr leider nicht kommen. Aufgrund meiner Arbeitsbelastung verzichtete meine Freundin auf den Besuch in diesem Jahr. Dafür wollten aber meine beiden anderen Tanzschwestern losziehen und eine hatte auch Gäste eines Hannoveraner Stammes eingeladen. Als ich also einigermaßen zeitig von der Arbeit nach Hause kam, schmiss ich mich zackig in mein Tribalkostüm "light" und machte mich für die letzten beiden Stunden noch auf zur Sparrenburg. Also gab es wieder ein Stämmetreffen, diesmal mit Vertreterinnen von zwei Stämmen, alle vier von uns waren da - auch wenn nur drei auf Tanzen eingestellt waren. Und wir tanzten gemeinsam, auch wenn unser Bewegungsrepertoire nicht komplett identisch war.

Als die Band zwischen zwei Stücken pausierte, kam eine Besucherin auf mich zu, die auch "triballig" aufgemacht war. Sie sagte, sie komme aus einer Stadt im Umkreis und tanze auch Tribal, ihre Gruppe sei auch da und sie treten demnächst auch irgendwo auf. Wir luden sie spontan ein, mit uns zu tanzen aber sie lehnte mit dem Hinweis ab, dass ja jede Gruppe so ihren Stil hat und daher nicht mit einer anderen tanzen könne. Dieses merkwürdige Argument hatte ich in den vergangenen Jahren schon gelegentlich gehört, wenn wir von anderen Besucherinnen angesprochen wurden, die auch angaben, Tribal zu tanzen.

Ich habe schon oft hier und anderswo geschrieben, dass ich der Überzeugung bin, dass ATS - das Originalformat von FatChanceBellyDance - die Basis allen Tribals ist. Das kann dann von anderen Formaten gefärbt werden, BSBD, Gypsy Caravan, Domba, die Entwicklung eigener Bewegungen und Kombos - aber die Basis sollte eben ATS sein und wenn das der Fall ist, können auch alle Tänzerinnen miteinander tanzen, auf der ganzen Welt. Übrigens berichtete neulich eine Bekannte vom Besuch eines Workshops von Rachel Brice. Rachel habe andauernd auf ATS, das FatChance-Format verwiesen als Basis von Tribal, also auch Tribal Fusion. Sie verwies stets darauf, bei Haltung, Armhaltung etc. Also bitte.

Dennoch scheint das immer noch für viele im Lande neu zu sein - ohne tatsächlich neu zu sein. Es sickert anscheinend nur langsam durch. Statt dessen haben die Leute die merkwürdigsten Ansichten zu ATS: Die ATS-Haltung sei ungesund für den Rücken, weil man im Hohlkreuz stehe, das ATS-Cue-System sei "rudimentär" (???), ATS-Tänzerinnen haben häßliche Füße und dergleichen völling unbegründeten Unsinn mehr. Manche behaupten gar, ATS sei für Tribal gar nicht wichtig.

Nun, sogar Rachel Brice sieht das anders. Und von der Liste derjenigen, die zuletzt bei der in Deutschland aktiven FCBD-Lehrerin Martha Saunders Workshops besuchten, auszugehen, sehen es auch die besten Tribal Fusion-Gruppen in Deutschland anders, da sich eben auch Tänzerinnen von z. B. Perlatentia und Shir o Shakar in diesem Stil weiterbilden. Wieso die wohl nicht glauben, ATS sei nicht wichtig?

Zurück zu meiner Unterhaltung mit dieser Tänzerin auf dem Sparrenburgfest: Ich sagte ihr, dass Tänzerinnen, die ATS als Basis haben, sehr wohl gemeinsam tanzen können, auch wenn das gesamte Repertoire nicht identisch ist - schließlich machten wir das ja mit unseren Freunden, und auch mit anderen Tänzerinnen, die wir auf einschlägigen Workshops treffen und gar nicht kennen. Dann sagte sie etwas in der Richtung, dass wir ja keinen richtigen ATS-Stil tanzen, wir wären so weich... Das war nun etwas überraschend, da meine Gruppe zur Zeit nur ATS trainiert und tanzt, wir jeden möglichen Workshop mit FCBD-Lehrerinnen im letzten Jahr besucht haben, von Martha, Wendy Allen, sogar Carolena Nericcio, inklusive Intensiv-Coaching mit Martha. Also wies ich darauf hin, dass wir in der Tat ATS tanzen, wenngleich auch nicht perfekt oder fehlerlos, aber definitv ATS. Dann meinte sie, sie kenne diesen Stil hauptsächlich von den FCBD DVDs und Gonda, der Leiterin des brillianten niederländischen Tribal Fusion-Ensembles "Tribal Mystica". Nun, tatsächlich hatte ich auch mal bei Gonda Unterricht und weiß, wer ihre Tribal-Lehrerin ist und dass sie für ihre Gruppe ATS abgewandelt hat, die Bewegungen härter, weniger weich und fließend, eben mehr "Gothic" macht. Also haben nicht wir was abgewandelt, sondern die Lehrerin meiner Gesprächspartnerin... Ich sagt ihr, dass wir sehr viel Unterricht bei den Originalen nehmen, Wendy, Carolena etc., um ihr mal einen Hinweis darauf zu geben darauf, dass sie nicht Expertin spielen müsse wo sie es nicht ist, und nebenbei der Unterricht von den Originalen in Deutschland zu haben ist - für die, die es denn lernen wollen. Sie behauptete dann, das Cue-System von FCBD sei ja auch speziell, wie auf der entsprechenden DVD zu sehen. Ich meinte, ja, das kennen wir und machen wir auch so, und oft ist in diesem Format eben der Cue der Beginn der Bewegung, so dass man schnell sein und genau auf die Führende achten müsse. Darauf meinte sie, ihre Gruppe seien noch Anfängerinnen und da müssten die Cues noch richtig deutlich und sichtbar gemacht werden. Na ja, ich sah mir ihre Gruppe daraufhin mal an und finde die Einschätzung, dass sei Anfängerinnen seien, richtig: Da haperte es noch an der Haltung - immer ein gutes Zeichen, wo man als Tribaltänzerin so steht - und ich fragte mich, ob es wohl eine gute Idee sei, mit Anfängern in diesem frühen Stadium aufzutreten. Außerdem, ganz ehrlich, leuchtet mir gar nicht ein, dass man Schülern Dinge auf eine falsche Weise beibringen sollte mit dem Argument, das Richtige sei noch zu schwierig. Niemals Schülern etwas beibringen, was sie wieder umlernen müssen! Umlernen ist viel schwieriger als von Anfang an richtig lernen. Allerdings heißt das auch, dass es ein bisschen länger dauern kann, bis man reif für einen Auftritt vor Publikum ist. Aber was ist daran verkehrt? Das gilt ja für jede andere Tanzart auch, dass man erst die Basis ordentlich lernen muss, einen gewissen Grad an Können und Sicherheit erwerben muss, bevor man auftritt. Warum soll das für Tribal nicht so sein?

Aber in Deutschland sind immer noch so viele unwillig, zu lernen, was die Basis ihres Tanzes angeht, sogar nur herauszufinden, was denn ATS ist und warum es wichtig ist. Das ist erstaunlich... andererseits, da ja viele Tribal-Jungstars dies durchaus ernst nehmen und ATS lernen, habe ich auch wieder Hoffnung. Denn ich habe diese verbindende Kraft des Tanzes, auf ATS basierend, mehrmals erfahren: Auf dem Sparrenburgfest, mit meiner Gruppe, mit fremden Tänzerinnen auf Workshops, die ich vorher noch nie gesehen hatte - wir können zusammen tanzen, jawohl! Und es macht Spaß und bringt so viel Energie, wenn man mit anderen Frauen tanzen kann! Tribal verbindet - wenn man eben Tribaltänzerin ist!