
Heute ist einer meiner gemütlichen Sonntage ohne Termine und verrückte Unternehmungen, so dass ich Zeit habe, bei einer Tasse Tee ein Buch zu lesen. Ich bin mit der Lektüre von "The Dance of Life – The Other Dimension of Time" des Anthropologen Edward T. Hall weiter gekommen. Obwohl der Titel es nahe zu legen scheint, geht es hier überhaupt nicht um Tanz. Das Buch untersucht die sehr unterschiedlichen kulturellen Konzepte von Zeit und ihren Einflüssen darauf, wie wir Raum, menschliche Interaktion etc. erfahren. Wenn ich mein Leben nochmal leben könnte, würde ich vielleicht Anthropologie studieren, weil es mich total fasziniert, zu sehen, dass Dinge, Konzepte, Verhaltensmuster, Vorstellungen etc., die wir für selbstverständlich halten, keineswegs universell sind. (Nun, ich habe Literatur und Sprachwissenschaft studiert, das kommt dem immerhin einigermaßen nahe...) All dies kann komplett anders aufgefasst, gedacht, gesehen und getan werden! Leben und Kultur sind so vielfältig dass es mich wirklich traurig machen kann, wenn so viele Menschen in der westlichen Welt nie über den Rand unserer Kultur hinaus schauen und einfach annehmen, es sei die beste aller Kulturen und der Rest der Welt solle sie am besten übernehmen. Nein, es ist nicht die beste aller Kulturen, wir können eine Menge von anderen lernen, wenn wir nur wollten ... und zu sehen lernten.
Nun zum Rhythmus. Natürlich ist Rhythmus ein wesentlicher Aspekt der Zeit sowie von Musik und Tanz. Der Teil meiner Lektüre, der mich heute inspiriert hat, bezog sich nicht direkt auf Tanz und Musik, sondern auf den Wert, den Kulturen Rhythmus und Wiederholung zumessen. Hall schreibt:
"In einer Kultur wie der unseren, mit einem Zeitsystem wie dem unseren [d.h. der westlichen Kultur] sind die Leute dazu konditioniert ... nur eine Vorführung zu sehen... Wir verlangen nach Abwechslung und vermeiden das, was wir schon gesehen haben. Dies bedingt eine gewisse Oberflächlichkeit, einen gewissen Mangel an Tiefe, der zu Unzufriedenheit mit den einfachen Dingen im Leben führt."
Ich habe vor kurzem darüber geschrieben, warum ich ATS wichtig finde und mich wundert, dass andere Tänzerinnen es "langweilig" finden, wenn sie eine Weile auf dieses Format beschränkt waren und dann den Drang verspüren, es "weiter zu entwickeln". Nun, dieses "Weiterentwickeln" ist sehr fragwürdig, denn meiner Meinung nach haben sehr viele Tribaltänzerinnen in Deutschland die korrekte Technik keineswegs gemeistert und sind daher gar nicht in der Lage, hier etwas weiter zu entwickeln. Sie meinen damit im Grunde oft nur, verschiedene Moves hinzuzufügen, die sie mal irgendwo gesehen oder selbst entwickelt haben und tanzen am Ende ein bunt gemischtes und oft keineswegs harmonisches Sammelsurium an verschiedenen Moves. Als ich die oben zitierte Passage las, fragte ich mich, ob Hall dieses Phänomen nicht tatsächlich treffend beschrieben hat, besonders, wenn wir "sehen" mit "tun" ersetzen (was im Geiste des wissenschaftlichen Rahmens des Autors in diesem Buch völlig in Ordnung geht).
Könnte es sein, dass Tribaltänzerinnen, nachdem sie sich eine Weile (lang oder kurz) mit einem bestimmten Repertoire an Moves befasst haben, unruhig werden und etwas anderes machen wollen? Das FCBD-Format besteht aus ungefähr 75-80 Moves. Anstatt dieses Repertoire ständig zu erweitern, entwicklet FCBD eher weitere Versionen und neue Formationen, die in diesem Rahmen möglich sind. Das mag nicht nach viel aussehen, aber die Technik, Übergänge und dynamische Formatinen sicher zu beherrschen braucht seine Zeit und ernsthaftes Trainieren! Indem sie diese Zeit nicht verwenden wollen, um dieses Format wirklich und richtig von Grund auf zu lernen, entsprechen Tänzerinnen, die lieber schnell weiter und "weiter entwickeln" wollen, dem Muster der kulturell bedingten Oberflächlichkeit, Mangel an Tiefe und Unzufriedenheit mit den einfachen Dingen im Leben.
Orientalische und Tribal Fusion Tänzerinnen verwenden Choreographien. Nun enthält das Konzept der Choreographie auch die Einmaligkeit weil das Publikum sie tatsächlich nur einmal sehen möchte. Nachdem eine Tänzerin also eine Choreographie entworfen hat, braucht sie ständig neues Publikum, dem sie diese vorführen kann. Wenn sie ihr Publikum quasi "aufgebraucht" hat, muss eine neue Choreographie her. Die Leute wollen Neues für ihr Geld. Das ist tatsächlich ein kulturelles Muster hier.
ATS und improvisierter Tribal sind daher ein eher untypisches Phänomen in diesem kulturellen Zusammenhang. Indem sie ein begrenztes Repertoire an Moves zum Improvisieren verwenden, erschaffen ATS Tänzerinnen jedesmal einen neuen Tanz – sogar dann, wenn sie zweimal hintereinander zur gleichen Musik tanzen. Jede Aufführung ist neu. Allerdings funktioniert das nur, wenn die technische Basis den Tänzerinnen erlaubt, sich elegant und kraftvoll mit korrekter Haltung zu bewegen und das Publikum mit ihrer Synchronizität, schnellen Führungswechseln, überraschenden Formationen, Duetten etc. in ihren Bann zu ziehen und dabei noch die Phrasierung der Musik zu beachten. Das ist Einfachheit mit Tiefe. Wenn die Tänzerinnen nur wenige Moves zeigen, selten die Führung wechseln und wenig Variationen an dynamischen Elementen zeigen, werden sie nicht in der Lage sein, die Aufmerksamkeit ihres Publikums lange zu halten.
Natürlich ist ATS ein innerhalb der westlichen Kultur entstandener Tanz. Und die Tänzerinnen kommen meist auch aus diesem Kulturkreis. Dennoch glaube ich, dass die Annahme, ATS sei "langweilig" and seine Einfachheit "weniger wertvoll" im Vergleich zu technisch anspruchsvolleren, choreografierten Solo-Aufführungen sowie Publikumsreaktionen wie "Kenne ich schon" damit zu tun haben, diesen Tanz als weniger wertvoll abzuqualifizieren. Auch die Ungeduld vieler Tänzerinnen mit dem eingeschränkten Repertoire und den strikten technischen Anforderungen von ATS mag hierher rühren. Es könnte auch dazu führen, dass ATS weniger talentierte oder engagierte Tänzerinnen anzieht, die irrigerweise glauben, ATS sei "leichter" als andere Tanzformen.
Dennoch habe ich das Gefühl, dass die Schar der ATS-Fans ständig wächst. Die Wahrnehmung von ATS als Tanzform mit hoher Qualität sorgte sicher auch dafür, dass je zwei Tänze von FatChanceBellyDance auf den beiden neuen Tribal-DVDs der Bellydance Superstars (BDSS), "Tribal L.A." and "Tribal Fusion 2", zu sehen sind. Unter uns gibt es viele, die Spaß daran haben, diesen Stil mit Tiefgang zu lernen und seine Verbindung von Einfachheit und ständig neuen Tänzen lieben! Und sicher gibt es noch mehr Gründe für die wachsende Begeisterung für ATS!

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