Sonntag, 21. Februar 2010

Das Herz des Tribal: Haltung


Gestern erzählte eine gute Bekannte, die auch Tribal unterrichtet, dass sie eine Anfrage von einer Tänzerin bekommen habe, die nun mit ihrer Gruppe Tribal tanzen möchte und eine Frage zum Kostüm hatte. Meine Bekannte beschlich das Gefühl, dass sie vielleicht darauf hinweisen sollte, das Kostumfragen eigentlich erst nach dem Erlernen der Tanztechnik anstehen. Für mich warf dies die Frage auf, was für eine Tribaltänzerin an ihrer Tanzform wichtig ist, was sie im Kern ausmacht. Was ich beim Tribaltanzen am wichtigsten finde, ist die Grundhaltung. Das muss sitzen. Das hat mich von Anfang an am Tribal fasziniert!

Da ich glaube, dass die äußere Haltung und die innere sich spiegeln, ist der Ausdruck das nächste: Ich will es nicht "stolz" oder "erhaben" nennen, weil es nichts mit "sich über andere stellen" zu tun hat. Sondern mit dem geraden, sprichwörtlichen Rückgrat, diesem In-sich-selbst-ruhen und sich seiner selbst sicher sein, diese Buddha-artige heitere Gelassenheit, die Spaß zulässt und dabei völlig unangestrengt, leicht und locker wirkt.
Das gilt dann für alle Tänzerinnen im Stamm, die ja im Idealfall alle die gleiche Haltung und den Ausdruck haben. Alle sind gut, richtig, können führen und geführt werden und haben Spaß am Tanzen miteinander. Daraus kommt dann diese spezielle Energie, die sich in einer funktionierenden Gruppe aufbaut, wenn die Tänzerinnen wirklich miteinander tanzen, kommunizieren – in der Tat, mit den Augen! Und wenn das funktioniert, springt es auch die Zuschauer über. Das geht nicht bei Choreografie, weil sich dann jede auf sich und ihr Ausüben der Choreo konzentriert. Es sei denn, man hat die Choreografie so lange und oft geübt, dass der Körper sie quasi "von allein" aus dem Körpergedächtnis tanzt und die Tänzerinnen im Kopf Raum für anderes haben.

Ich habe Spaß daran, zu improvisieren und dabei doch die Musik zu treffen. Ebenso habe ich Spaß daran, wenn eine andere führt und eine Passage mit guten Ideen füllt. Also gehört für mich zum Tribal Tanzen: Haltung, Ausdruck, Improvisation, Kommunikation, Energie. Dazu kommt Kostüm und erkennbare Verwurzelung in FCBD-ATS-Basics, auch Zimbeln bei schnellen Moves. Und los geht's!

Sonntag, 14. Februar 2010

Rhythmus


Heute ist einer meiner gemütlichen Sonntage ohne Termine und verrückte Unternehmungen, so dass ich Zeit habe, bei einer Tasse Tee ein Buch zu lesen. Ich bin mit der Lektüre von "The Dance of Life – The Other Dimension of Time" des Anthropologen Edward T. Hall weiter gekommen. Obwohl der Titel es nahe zu legen scheint, geht es hier überhaupt nicht um Tanz. Das Buch untersucht die sehr unterschiedlichen kulturellen Konzepte von Zeit und ihren Einflüssen darauf, wie wir Raum, menschliche Interaktion etc. erfahren. Wenn ich mein Leben nochmal leben könnte, würde ich vielleicht Anthropologie studieren, weil es mich total fasziniert, zu sehen, dass Dinge, Konzepte, Verhaltensmuster, Vorstellungen etc., die wir für selbstverständlich halten, keineswegs universell sind. (Nun, ich habe Literatur und Sprachwissenschaft studiert, das kommt dem immerhin einigermaßen nahe...) All dies kann komplett anders aufgefasst, gedacht, gesehen und getan werden! Leben und Kultur sind so vielfältig dass es mich wirklich traurig machen kann, wenn so viele Menschen in der westlichen Welt nie über den Rand unserer Kultur hinaus schauen und einfach annehmen, es sei die beste aller Kulturen und der Rest der Welt solle sie am besten übernehmen. Nein, es ist nicht die beste aller Kulturen, wir können eine Menge von anderen lernen, wenn wir nur wollten ... und zu sehen lernten.

Nun zum Rhythmus. Natürlich ist Rhythmus ein wesentlicher Aspekt der Zeit sowie von Musik und Tanz. Der Teil meiner Lektüre, der mich heute inspiriert hat, bezog sich nicht direkt auf Tanz und Musik, sondern auf den Wert, den Kulturen Rhythmus und Wiederholung zumessen. Hall schreibt:

"In einer Kultur wie der unseren, mit einem Zeitsystem wie dem unseren [d.h. der westlichen Kultur] sind die Leute dazu konditioniert ... nur eine Vorführung zu sehen... Wir verlangen nach Abwechslung und vermeiden das, was wir schon gesehen haben. Dies bedingt eine gewisse Oberflächlichkeit, einen gewissen Mangel an Tiefe, der zu Unzufriedenheit mit den einfachen Dingen im Leben führt."

Ich habe vor kurzem darüber geschrieben, warum ich ATS wichtig finde und mich wundert, dass andere Tänzerinnen es "langweilig" finden, wenn sie eine Weile auf dieses Format beschränkt waren und dann den Drang verspüren, es "weiter zu entwickeln". Nun, dieses "Weiterentwickeln" ist sehr fragwürdig, denn meiner Meinung nach haben sehr viele Tribaltänzerinnen in Deutschland die korrekte Technik keineswegs gemeistert und sind daher gar nicht in der Lage, hier etwas weiter zu entwickeln. Sie meinen damit im Grunde oft nur, verschiedene Moves hinzuzufügen, die sie mal irgendwo gesehen oder selbst entwickelt haben und tanzen am Ende ein bunt gemischtes und oft keineswegs harmonisches Sammelsurium an verschiedenen Moves. Als ich die oben zitierte Passage las, fragte ich mich, ob Hall dieses Phänomen nicht tatsächlich treffend beschrieben hat, besonders, wenn wir "sehen" mit "tun" ersetzen (was im Geiste des wissenschaftlichen Rahmens des Autors in diesem Buch völlig in Ordnung geht).

Könnte es sein, dass Tribaltänzerinnen, nachdem sie sich eine Weile (lang oder kurz) mit einem bestimmten Repertoire an Moves befasst haben, unruhig werden und etwas anderes machen wollen? Das FCBD-Format besteht aus ungefähr 75-80 Moves. Anstatt dieses Repertoire ständig zu erweitern, entwicklet FCBD eher weitere Versionen und neue Formationen, die in diesem Rahmen möglich sind. Das mag nicht nach viel aussehen, aber die Technik, Übergänge und dynamische Formatinen sicher zu beherrschen braucht seine Zeit und ernsthaftes Trainieren! Indem sie diese Zeit nicht verwenden wollen, um dieses Format wirklich und richtig von Grund auf zu lernen, entsprechen Tänzerinnen, die lieber schnell weiter und "weiter entwickeln" wollen, dem Muster der kulturell bedingten Oberflächlichkeit, Mangel an Tiefe und Unzufriedenheit mit den einfachen Dingen im Leben.

Orientalische und Tribal Fusion Tänzerinnen verwenden Choreographien. Nun enthält das Konzept der Choreographie auch die Einmaligkeit weil das Publikum sie tatsächlich nur einmal sehen möchte. Nachdem eine Tänzerin also eine Choreographie entworfen hat, braucht sie ständig neues Publikum, dem sie diese vorführen kann. Wenn sie ihr Publikum quasi "aufgebraucht" hat, muss eine neue Choreographie her. Die Leute wollen Neues für ihr Geld. Das ist tatsächlich ein kulturelles Muster hier.

ATS und improvisierter Tribal sind daher ein eher untypisches Phänomen in diesem kulturellen Zusammenhang. Indem sie ein begrenztes Repertoire an Moves zum Improvisieren verwenden, erschaffen ATS Tänzerinnen jedesmal einen neuen Tanz – sogar dann, wenn sie zweimal hintereinander zur gleichen Musik tanzen. Jede Aufführung ist neu. Allerdings funktioniert das nur, wenn die technische Basis den Tänzerinnen erlaubt, sich elegant und kraftvoll mit korrekter Haltung zu bewegen und das Publikum mit ihrer Synchronizität, schnellen Führungswechseln, überraschenden Formationen, Duetten etc. in ihren Bann zu ziehen und dabei noch die Phrasierung der Musik zu beachten. Das ist Einfachheit mit Tiefe. Wenn die Tänzerinnen nur wenige Moves zeigen, selten die Führung wechseln und wenig Variationen an dynamischen Elementen zeigen, werden sie nicht in der Lage sein, die Aufmerksamkeit ihres Publikums lange zu halten.

Natürlich ist ATS ein innerhalb der westlichen Kultur entstandener Tanz. Und die Tänzerinnen kommen meist auch aus diesem Kulturkreis. Dennoch glaube ich, dass die Annahme, ATS sei "langweilig" and seine Einfachheit "weniger wertvoll" im Vergleich zu technisch anspruchsvolleren, choreografierten Solo-Aufführungen sowie Publikumsreaktionen wie "Kenne ich schon" damit zu tun haben, diesen Tanz als weniger wertvoll abzuqualifizieren. Auch die Ungeduld vieler Tänzerinnen mit dem eingeschränkten Repertoire und den strikten technischen Anforderungen von ATS mag hierher rühren. Es könnte auch dazu führen, dass ATS weniger talentierte oder engagierte Tänzerinnen anzieht, die irrigerweise glauben, ATS sei "leichter" als andere Tanzformen.

Dennoch habe ich das Gefühl, dass die Schar der ATS-Fans ständig wächst. Die Wahrnehmung von ATS als Tanzform mit hoher Qualität sorgte sicher auch dafür, dass je zwei Tänze von FatChanceBellyDance auf den beiden neuen Tribal-DVDs der Bellydance Superstars (BDSS), "Tribal L.A." and "Tribal Fusion 2", zu sehen sind. Unter uns gibt es viele, die Spaß daran haben, diesen Stil mit Tiefgang zu lernen und seine Verbindung von Einfachheit und ständig neuen Tänzen lieben! Und sicher gibt es noch mehr Gründe für die wachsende Begeisterung für ATS!

Sonntag, 7. Februar 2010

Etwas andere Wochenenden...

Tribal tanzen ist nicht mein Beruf, aber meine große Passion. Manchmal, besonders an einigen Wochenenden, geht mir die Bedeutung dieses Wortes, die etymologisch mit "Leiden" verwandt ist, besonders durch den Kopf. Nehmen wir mal das letzte Wochenende: Ein richtiger Winter hat Deutschland fest im Griff. Es ist Sonntag morgen und um 6 Uhr (!!!) klingelt mein Wecker. Nein, ich bin keine Frühaufsteherin, wenn es sich vermeiden lässt, aber Gabriella bietet einen ATS Refresh & Polier Workshop in Dillenburg an und drei Tribalschwestern aus meinem Stamm wollen hin - ich bin eine davon. Ich bin außerdem die Fahrerin. An einem normalen Sonntag Morgen kann ich davon ausgehen, die ca. 230 Kilometer von mir bis Dillenburg in gut zwei Stunden zu schaffen, da es noch nicht viel Verkehr gibt, denn die meisten Mitlebenden nutzen den Sonntag ja zum Ausschlafen und für ein schönes, ausgedehntes Sonntagsfrühstück etc. In diesem Winter allerdings gehe ich von einer längeren Fahrt aus und starte entsprechend früher.

Und klar, so wie ich den Fuß nach draußen setze, fängt es an zu schneien. Nicht nur so ein Schneeflöckchen hie und da. Ich meine, es schneit richtig dicht. Ich fege den Schnee, ca. 5 Zentimeter, vom Auto und fahre los. Es ist jetzt um 8 Uhr und die Straßen sind noch nicht geräumt. Auch nicht auf den Stadtautobahn, dem OWD (Ostwestfalendamm) ... oh oh, da geht es nur langsam voran, ein schlechtes Zeichen... Als ich zum Treffpunkt komme, um meine Tanzschwester aufzusammeln, steht ihr Auto noch an der Straße ... klar, denn auf dem Parkplatz liegt einfach zu viel Schnee. Wir steigen aus, es schneit noch heftiger und wir fragen uns, ob es eine gute Idee ist, nach Dillenburg zu fahren. Sie ist schon ein Stück Autobahn gefahren, die war auch noch nicht geräumt. Wenn man bedenkt, dass Autos und Fahren ein nationaler Fetisch sind, ein ganz ganz schlechtes Zeichen... Aber da wir nun schon mal früh aufgestanden sind und uns auf den Workshop gefreut haben, sind wir verrückt genug, es jetzt wenigstens mal zu versuchen ... wir können ja immer noch umkehren.

Nun, wir kehren nicht um. Wir schaffen es durch Eis und Schnee und unterwegs wird es auch besser, wir kommen gerade rechtzeitig zum Workshop an. Da ich am Abend vorher eine Erkältung eingefangen und daher leichte Kopfschmerzen habe, bin ich froh, dass wir mit der Aufarbeitung der langsamen Moves und Drehungen, auch Duette, anfangen. Es ist wirklich erstaunlich, jedesmal lerne ich neue Feinheiten dabei, mehr Details und Finessen, um die Technik und Ausdrucksstärke der Drehungen zu verbessern. Nach der Pause geht es mit den schnellen Moves weiter, mit Fading und weiteren Formationen. Wegen meiner Kopfschmerzen bin ich froh, dass Gabriella ganz das Zimbeln vergisst, welches ja bei den schnellen ATS-Moves unbedingt dazu gehört.

Es ist immer wieder schön, bei solchen Workshops andere ATS-Anhängerinnen aus ganz Deutschland anzutreffen, und wir können zusammen tanzen und Spaß haben! Wir drei sind froh, doch gefahren zu sein und kommen auch ganz gut durch nach Hause, da es mittlerweile aufgehört hat, zu schneien und die Autobahnen geräumt sind. Zu Hause, gegen 20 Uhr, denke ich dann doch, dass ich verrückt sein muss, meinen Sonntag so zu verbringen ... aber es hat doch Spaß gemacht!

Im Laufe der Woche bekomme ich dann eine E-Mail von einer der hiesigen OT-Tänzerinnen mit Informationen zu einem Second Hand-Bazar für orientalischen Tanz am Samstag - also gestern - hier in der Nähe. Umgehend entscheide ich, meine OT-Kostüme einzupacken, Schleier, Schmuck etc., alles, was ich nicht mehr brauche. Ich war auch mal eine passionierte orientalische Tänzerin und da ich auf diversen Veranstaltungen, Shows, in Restaurants etc. getanzt habe, besitze ich noch eine Reihe von Profi-Kostümen und Accessoires. Allerdings lässt mir mein richtiger Job und mein Alltag nur Raum für eine große Passion, und das ist Tribal. Meine orientalischen Kostüme sind zu schön, um nur herumzuliegen und außerdem nehmen sie eine Menge Platz weg. Also packe ich alles zusammen, inklusive einiger CDs mit orientalischer Musik, die ich nicht mehr höre, ein paar Bücher zum Thema, die ich nicht noch mal lesen werde, und sogar einer alten orientalischen Partylampe, die noch im Keller herum liegt. Dann greife ich mir noch einen kleinen Tisch und räume meinen IKEA Kleiderständer leer, um etwas zu haben, womit ich die Sachen präsentieren kann. Dann alles ins Auto und ab zu diesem Studio, in dem ich auch noch nie war. Ich fahre kurz nach 15 Uhr los und eine Dreiviertelstunde später komme ich an. Es ist schon richtig was los mit anderen Anbietern, die noch aufbauen, und den ersten Besuchern.

Ich treffe gleich auf eine mir bekannte Tänzerin, die vor kurzem auch mit Tribal Fusion begonnen hat und ebenfalls einige ihrer Sachen verkaufen möchte. Kurz darauf kommt auch die beste orientalische Tänzerin der Gegend dazu, ein Profi und, wie ich stolz sagen kann, für eine Weile auch meine Lehrerin, und ich freue mich, dass wir uns mal wieder unterhalten können. Drei Stunden später habe ich glücklicherweise ein paar Schleier, Hüfttücher, Schmuck und ein paar Kleinigkeiten verkauft, zwei Tribal-Armreifen von einer anderen Tänzerin gekauft, die Partylampe und eine CD gegen eine andere CD und Tribalschmuck eingetauscht, einige mir zuvor unbekannte, sehr nette Tänzerinnen im Umland kennen gelernt, und von meiner ehemaligen Lehrerin das Angebot bekommen, mich doch an dem Second Hand Bazar zu beteiligen, den sie im Rahmen ihrer Shows nächsten Monat ("mit ganz viel Tribal", verkündet sie stolz lächelnd) organisieren möchte, und plane das zusammen mit der Tänzerin, die ich zu Anfang getroffen habe. Außerdem erzählt meine vorige Lehrerin, dass sie künftig Tanzshows mit Tänzerinnen aus der Gegend veranstalten möchte, weil ja alle so gut miteinander auskommen und viele von uns ja keine eigenen Shows auf die Beine stellen und ausfüllen können. Hmmm, gar nicht schlecht als "Networking", denn dabei könnte auch ein Auftritt für meine Tribalgruppe drin sein in der Zukunft. Es ist auch schön zu sehen, dass offenbar in der Tat die Tänzerinnen hier in der Gegend alle einen freundschaftlichen Kontakt pflegen und es reizvoll ist, ein Teil dieser Gemeinschaft zu sein. Zu guter Letzt unterhalte ich mich noch mit der Besitzerin des Studios und dabei kommt auch die Idee auf, doch dort mal einen Tribal/ATS-Workshop zu geben.

Als ich wieder zu Hause bin, ist es wieder 20 Uhr, nicht mehr viel Zeit übrig, um sich am Samstag einfach mal faul zu erholen. Es hat aber Spaß gemacht, hiesige Tänzerinnen kennenzulernen und sich zu vernetzen. Und ich weiß auch schon, dass ich am kommenden Sonntag wieder Zeit mit dem Thema Tribal verbringen werde... mal von den zwei Trainings kommende Woche zu schweigen, mit denen wir uns auf den Auftritt der diesjährigen World of Orient nächsten Monat vorbereiten... naja, was würde ich wohl ohne meine Passion mit meiner Zeit machen?