Tribal tanzen ist nicht mein Beruf, aber meine große Passion. Manchmal, besonders an einigen Wochenenden, geht mir die Bedeutung dieses Wortes, die etymologisch mit "Leiden" verwandt ist, besonders durch den Kopf. Nehmen wir mal das letzte Wochenende: Ein richtiger Winter hat Deutschland fest im Griff. Es ist Sonntag morgen und um 6 Uhr (!!!) klingelt mein Wecker. Nein, ich bin keine Frühaufsteherin, wenn es sich vermeiden lässt, aber Gabriella bietet einen ATS Refresh & Polier Workshop in Dillenburg an und drei Tribalschwestern aus meinem Stamm wollen hin - ich bin eine davon. Ich bin außerdem die Fahrerin. An einem normalen Sonntag Morgen kann ich davon ausgehen, die ca. 230 Kilometer von mir bis Dillenburg in gut zwei Stunden zu schaffen, da es noch nicht viel Verkehr gibt, denn die meisten Mitlebenden nutzen den Sonntag ja zum Ausschlafen und für ein schönes, ausgedehntes Sonntagsfrühstück etc. In diesem Winter allerdings gehe ich von einer längeren Fahrt aus und starte entsprechend früher.
Und klar, so wie ich den Fuß nach draußen setze, fängt es an zu schneien. Nicht nur so ein Schneeflöckchen hie und da. Ich meine, es schneit richtig dicht. Ich fege den Schnee, ca. 5 Zentimeter, vom Auto und fahre los. Es ist jetzt um 8 Uhr und die Straßen sind noch nicht geräumt. Auch nicht auf den Stadtautobahn, dem OWD (Ostwestfalendamm) ... oh oh, da geht es nur langsam voran, ein schlechtes Zeichen... Als ich zum Treffpunkt komme, um meine Tanzschwester aufzusammeln, steht ihr Auto noch an der Straße ... klar, denn auf dem Parkplatz liegt einfach zu viel Schnee. Wir steigen aus, es schneit noch heftiger und wir fragen uns, ob es eine gute Idee ist, nach Dillenburg zu fahren. Sie ist schon ein Stück Autobahn gefahren, die war auch noch nicht geräumt. Wenn man bedenkt, dass Autos und Fahren ein nationaler Fetisch sind, ein ganz ganz schlechtes Zeichen... Aber da wir nun schon mal früh aufgestanden sind und uns auf den Workshop gefreut haben, sind wir verrückt genug, es jetzt wenigstens mal zu versuchen ... wir können ja immer noch umkehren.
Nun, wir kehren nicht um. Wir schaffen es durch Eis und Schnee und unterwegs wird es auch besser, wir kommen gerade rechtzeitig zum Workshop an. Da ich am Abend vorher eine Erkältung eingefangen und daher leichte Kopfschmerzen habe, bin ich froh, dass wir mit der Aufarbeitung der langsamen Moves und Drehungen, auch Duette, anfangen. Es ist wirklich erstaunlich, jedesmal lerne ich neue Feinheiten dabei, mehr Details und Finessen, um die Technik und Ausdrucksstärke der Drehungen zu verbessern. Nach der Pause geht es mit den schnellen Moves weiter, mit Fading und weiteren Formationen. Wegen meiner Kopfschmerzen bin ich froh, dass Gabriella ganz das Zimbeln vergisst, welches ja bei den schnellen ATS-Moves unbedingt dazu gehört.
Es ist immer wieder schön, bei solchen Workshops andere ATS-Anhängerinnen aus ganz Deutschland anzutreffen, und wir können zusammen tanzen und Spaß haben! Wir drei sind froh, doch gefahren zu sein und kommen auch ganz gut durch nach Hause, da es mittlerweile aufgehört hat, zu schneien und die Autobahnen geräumt sind. Zu Hause, gegen 20 Uhr, denke ich dann doch, dass ich verrückt sein muss, meinen Sonntag so zu verbringen ... aber es hat doch Spaß gemacht!
Im Laufe der Woche bekomme ich dann eine E-Mail von einer der hiesigen OT-Tänzerinnen mit Informationen zu einem Second Hand-Bazar für orientalischen Tanz am Samstag - also gestern - hier in der Nähe. Umgehend entscheide ich, meine OT-Kostüme einzupacken, Schleier, Schmuck etc., alles, was ich nicht mehr brauche. Ich war auch mal eine passionierte orientalische Tänzerin und da ich auf diversen Veranstaltungen, Shows, in Restaurants etc. getanzt habe, besitze ich noch eine Reihe von Profi-Kostümen und Accessoires. Allerdings lässt mir mein richtiger Job und mein Alltag nur Raum für eine große Passion, und das ist Tribal. Meine orientalischen Kostüme sind zu schön, um nur herumzuliegen und außerdem nehmen sie eine Menge Platz weg. Also packe ich alles zusammen, inklusive einiger CDs mit orientalischer Musik, die ich nicht mehr höre, ein paar Bücher zum Thema, die ich nicht noch mal lesen werde, und sogar einer alten orientalischen Partylampe, die noch im Keller herum liegt. Dann greife ich mir noch einen kleinen Tisch und räume meinen IKEA Kleiderständer leer, um etwas zu haben, womit ich die Sachen präsentieren kann. Dann alles ins Auto und ab zu diesem Studio, in dem ich auch noch nie war. Ich fahre kurz nach 15 Uhr los und eine Dreiviertelstunde später komme ich an. Es ist schon richtig was los mit anderen Anbietern, die noch aufbauen, und den ersten Besuchern.
Ich treffe gleich auf eine mir bekannte Tänzerin, die vor kurzem auch mit Tribal Fusion begonnen hat und ebenfalls einige ihrer Sachen verkaufen möchte. Kurz darauf kommt auch die beste orientalische Tänzerin der Gegend dazu, ein Profi und, wie ich stolz sagen kann, für eine Weile auch meine Lehrerin, und ich freue mich, dass wir uns mal wieder unterhalten können. Drei Stunden später habe ich glücklicherweise ein paar Schleier, Hüfttücher, Schmuck und ein paar Kleinigkeiten verkauft, zwei Tribal-Armreifen von einer anderen Tänzerin gekauft, die Partylampe und eine CD gegen eine andere CD und Tribalschmuck eingetauscht, einige mir zuvor unbekannte, sehr nette Tänzerinnen im Umland kennen gelernt, und von meiner ehemaligen Lehrerin das Angebot bekommen, mich doch an dem Second Hand Bazar zu beteiligen, den sie im Rahmen ihrer Shows nächsten Monat ("mit ganz viel Tribal", verkündet sie stolz lächelnd) organisieren möchte, und plane das zusammen mit der Tänzerin, die ich zu Anfang getroffen habe. Außerdem erzählt meine vorige Lehrerin, dass sie künftig Tanzshows mit Tänzerinnen aus der Gegend veranstalten möchte, weil ja alle so gut miteinander auskommen und viele von uns ja keine eigenen Shows auf die Beine stellen und ausfüllen können. Hmmm, gar nicht schlecht als "Networking", denn dabei könnte auch ein Auftritt für meine Tribalgruppe drin sein in der Zukunft. Es ist auch schön zu sehen, dass offenbar in der Tat die Tänzerinnen hier in der Gegend alle einen freundschaftlichen Kontakt pflegen und es reizvoll ist, ein Teil dieser Gemeinschaft zu sein. Zu guter Letzt unterhalte ich mich noch mit der Besitzerin des Studios und dabei kommt auch die Idee auf, doch dort mal einen Tribal/ATS-Workshop zu geben.
Als ich wieder zu Hause bin, ist es wieder 20 Uhr, nicht mehr viel Zeit übrig, um sich am Samstag einfach mal faul zu erholen. Es hat aber Spaß gemacht, hiesige Tänzerinnen kennenzulernen und sich zu vernetzen. Und ich weiß auch schon, dass ich am kommenden Sonntag wieder Zeit mit dem Thema Tribal verbringen werde... mal von den zwei Trainings kommende Woche zu schweigen, mit denen wir uns auf den Auftritt der diesjährigen World of Orient nächsten Monat vorbereiten... naja, was würde ich wohl ohne meine Passion mit meiner Zeit machen?