Neulich hatte ich einen E-Mail-Dialog mit einer guten Tanzfreundin. Vor langer Zeit, als ich noch in ihrer Stadt lebte, war ich mal ihre Lehrerin für Orientalischen Tanz. Vor ein paar Jahren war ich noch einmal dort, um meine ersten Tribal-Workshops zu geben. "Tribal" ist mir zum ersten Mal schon 2000 begegnet, aber damals hat es mich gar nicht interessiert. Zwei Jahre später, als ich in einer anderen Stadt lebte, tanzte ich zum ersten Mal in einer Tribal-Gruppe mit. Rückblickend kann ich das Format dieser Gruppe, die Tribal als Gruppen-Improvisation tanzte, nicht identifizieren. Aber ich verliebte mich darin, so zu tanzen und besonders die Tribal-Haltung zog mich magisch an: Sie verleiht den Tänzerinnen so eine anmutige, würdevolle Kraft. So wollte ich tanzen... Vier Jahre später, und wieder in einer anderen Stadt, hielt ich gleich nach einer Tribalgruppe Ausschau und frischte meine Tribaltanzkenntnisse mit diversen Workshops auf.
Ich gebe zu, ich tanzte zwar viel, gab mich damals aber nicht damit ab, etwas zur Geschichte des Tanzes zu lernen oder von Grund auf zu verstehen, was "Tribal" ausmacht. Zu diesem Punkt verweise ich heute immer gerne auf einen Aufsatz der Tribal Fusion-Tänzerin Asharah, die besonders auch die Bedeutung von ATS - American Tribal Style - betont: "The Trouble with Tribal (Fusion)"
http://www.tribalbellydance.org/articles/tribalfusion.html
Ich fand den Stil von FatChanceBellyDance (FCBD) toll – aber keine der Tribal-Lehrerinnen, bei denen ich in Deutschland Unterricht genommen hatte, hat den unterrichtet. Stattdessen gewann ich den Eindruck, dass jede Tribalgruppe mehr oder minder ihr eigenes Format entwickelt. Und in der Tat scheint mir das eine in diesen Landen fest verbreitete Vorstellung unter Tribaltänzerinnen zu sein ...
Zu dieser Zeit bekam ich das Angebot, in der Stadt, in der meine Tanzfreundin immer noch lebt, einen Workshop zu geben und da ich mich nur für Tribal interessierte, bot ich dieses Thema an. Ich bezog mich dabei auf alles, was ich von meinen deutschen Lehrerinnen gelernt hatte, sowie auch ein wenig – heute weiß ich, WIE wenig – auf die DVDs von FCBD. So nannte ich den Workshop fälschlicherweise "ATS" – American Tribal Style, das Format von FCBD. Und, wenn man den Begriff schon etwas weiter ziehen will, dann auch das Format der Gründerfiguren des Tribal Style Bellydance, wie Carolena Nericcios Schülerin Kajira Djoumahnas BlackSheep BellydDance (BSBD) ATS-Format. Wie gesagt, zu jener Zeit wusste ich aber eigentlich sehr wenig über ATS...
Ich werde jetzt nicht die traurige Geschichte erzählen, warum ich nicht mehr mit meinem vorigen Stamm tanze. Zurückblickend kann ich jedenfalls feststellen: Es war mit das Beste, was mir passieren konnte. Eine meiner jetzigen Tanzschwestern erlitt das gleiche Schicksal wie ich und wir begannen, zusammen zu tanzen und zu lernen. Wir fuhren zu Workshops, studierten DVDs und ich landete zum ersten Mal in einer Workshopserie von Wendy Allen, vor ungefähr zwei Jahren. Diesen Blog begann ich mit einem Bericht zu ihren Workshops letztes Jahr.
Die Workshops mit Wendy veränderten die Tribalwelt für mich. Ich verstehe seitdem, was ATS ist, welche Energie es beim Tanzen freisetzen kann. Ich lernte weiter, besuchte mehr "echte" ATS-Workshops, studierte die DVDs noch genauer und tauschte Ideen und Erkenntnisse mit einem Haufen Frauen aus, die sich ebenfalls in diesen Stil verliebt haben.
Zwischenzeitlich hatten die Frauen, die seinerzeit meinen "ATS"-Workshop in der Stadt, in der meine Tanzfreundin noch wohnt - sie hatte selbst auch teilgenommen - direkt danach einen Stamm gegründet und tanzen heute noch zusammen. Das hatte also auch was Gutes, denn den Spaß am Tribal tanzen habe ich ihnen wohl vermitteln können. Nach mir hatten sie dann auch noch andere Tribal-Lehrerinnen.
Das sollte als Hintergrund zum eingangs erwähnten E-Mail-Dialog mit meiner Freundin genügen. Sie hatte mir einige Aufführungen von einem Tribal-Treffen gezeigt, das sie besucht hat, und ich war nicht beeindruckt von dem, was ich da zu sehen bekam. Praktisch keine der Tänzerinnen zeigten eine Nähe zu ATS, und das Streben nach der richtigen Haltung schien nicht ganz oben auf ihrer Liste der wichtigen Dinge zu stehen. Als ich das meiner Freundin schrieb, verstand sie das als Wertung ihres Stammes, der aus Frauen besteht, die sich alle zwei Wochen treffen und hauptsächlich Spaß am Miteinander tanzen haben möchten. Sie halten sich nicht strikt an das ATS-Repertoire an Moves und Formationen, haben dafür ihre eigenen Formationen entwickelt, z. B. in zwei Kreisen - sehr schöne kreative Idee - und einige der Frauen, nun ja, interessieren sich auch nicht für die Arbeit an der richtigen Haltung... Ihre Reaktion ließ mich überdenken, warum ich stets darauf beharre, dass ATS für alle Tribaltänzerinnen sehr wichtig ist. War ich jetzt eine ATS-Fanatikerin geworden, die sich nur strikt ans Carolena-Dogma hängt?
Eigentlich war es dem Stamm meiner Freundin ja genau so ergangen wie mir: Sie hatten Tribal Style lernen wollen und bekamen ein Sammelsurium an selbsterfundenen deutschen Tribal-Moves von verschiedenen Lehrerinnen. Viele Leute mögen es nicht, zu denken, dass sie nicht das richtige Training bekommen und Geld und Zeit verschwendet haben... das weiß ich aus eigener Erfahrung.... Was meine Freundin angeht, muss ich noch sagen, dass auch sie seitdem eine Menge gelernt hat, auch von "richtigen" ATS-Lehrerinnen (und ich, um die Scharte meines früheren Workshops auszuwetzen, habe dann dort später richtiges ATS direkt aus Wendys Workshops unterrichtet). Trotzdem war sie besorgt, dass ich sie nach sehr hohen Standards, die ihr Stamm nicht erreichen kann, bewerten würde. Also sammelte ich meine Gedanken bezüglich der Bedeutung von ATS und kam zu Folgendem:
Wie so einige andere Tänzerinnen und Lehrerinnen, die ich mittlerweile kenne, habe ich viel Zeit und Geld investiert, um richtig ATS zu lernen. Und wie sie regt es mich auf, wenn Tänzerinnen, die das offensichtlich nicht getan haben, behaupten, dass sie ATS tanzen und unterrichten. Daher hat mein Pochen auf dem "echten" ATS damit zu tun, dass ich glaube, es sollte einen Standard und ein Format definieren, damit Tribal- und besonders ATS-Tänzerinnen wirklich in diesem Format miteinander tanzen können, auch wenn sie aus unterschiedlichen Gegenden kommen und normalerweise nicht miteinander tanzen. Dieses gemeinsame Tanzvokabular sollte FCBD ATS sein – nicht die komplexen tollen Drehungen und Kombos der DVD Nr. 7, sondern die Moves der DVDs 1 und 4, mit den Basics dieses Tanzstils.
Daher finde ich es nicht lustig, dass Leute ATS-Workshops anbieten, die nie zu sehen sind, wenn es etwas Wegweisendes zu lernen gibt in Sachen ATS, oder die behaupten, dass sie sich nichts aus dem Stil von FCBD machen oder ihn gar langweilig finden, während sie selbst viel langweiligeren Tribal tanzen, mit wenig Formationswechsel, kaum Drehungen, keine dynamischen Duette etc. Sie sind freie Menschen und können tun und lassen, was sie wollen, aber sie sollten es dann nicht ATS nennen.
Allerdings ist das meiner Meinung nach etwas ganz anderes als wenn es in einem Stamm Tänzerinnen gibt, die irgendwie einfach nicht gut lernen, die korrekte Haltung einfach nicht beherrschen und die komplexeren Moves nicht lernen. Das kommt im Stamm meiner Freundin natürlich vor, denn dort sind viele Frauen dabei, die aber nicht oft üben können. Nicht jeder Stamm muss eine geniale Showtruppe sein. Und in jedem Stamm gibt es schwächere Tänzerinnen. Wenn man die nicht tolerieren möchte, dann bleibt am Ende keine mehr für einen Stamm übrig.
Dennoch denke ich, dass das bei orientalischen Tanzgruppen doch genau so ist. Einige sind tolle Showtruppen, einige bestehen aus Amateurinnen, die in erster Linie Spaß daran haben, sich zu treffen, zu tanzen und vielleicht treten sie bei der ein oder anderen Veranstaltung auf, wenn sie gefragt werden. Trotzdem kann man in beiden Fällen immer sehen, dass sie Bauchtanz, orientalischen Tanz, machen. Ein Drop ist ein Drop und ein Shimmy ist ein Shimmy. Gut oder schlecht ausgeführt, es ist immer dieselbe Bewegung.
Nun will mir einfach nicht in den Kopf, warum das nicht auch für Tribal, speziell ATS, gelten soll. Warum bloß glauben so viele Tribaltänzerinnen in diesen Landen, dass sie einen Turkish oder Arabic Step gerade mal so machen können, wie es ihnen gerade in den Kopf kommt, ohne sich darum zu kümmern, wie dieser Schritt korrekt ausgeführt wird? Wenn orientalische Tänzerinnen eine Choreographie lernen und aufführen, wie z. B. zur Zeit für das Casting von Jillinas Bellydance Evolution Show, dann machen sie das alle auf ihre Art und Weise, färben ihre Performance mit ihrem Temperament, mit ihren jeweiligen Stärken und Schwächen, Ausdruck etc. - dennoch tanzen sie alle denselben Tanz. Ob man in New York, Tokyo oder Berlin Ballet- oder Flamenco-Unterricht nimmt, wird man immer das gleiche Tanzvokabular lernen. Das sollte doch wohl auch für improvisierten Tribal-Gruppentanz gelten, besonders für ATS? Ich verstehe einfach nicht, warum Tribaltänzerinnen nicht das Repertoire und die korrekte Technik ihrer Tanzform lernen wollen!
ATS Gruppenimprovisation, wenn es ernsthaft getanzt wird - und das heißt nicht, dass man keinen Spaß haben darf! - ist keineswegs einfach zu lernen und aufzuführen, wenn man es auf hohem Niveau tanzen will. Wenn ein Stamm sich nicht auf dieses Niveau strampeln will, okay. Aber er sollte, genau wie im orientalischen oder irgendeinem anderen Tanz, immer noch dasselbe tanzen! Da gibt es doch genug Raum für die eigene Farbe. FCBD selbst ersinnt ja auch stets neue Formationen, teilchoreografierte Tänze etc. und jeder Stamm kann seine eigenen Stammcharakteristika auf dieser Basis entwickeln.
Mein Bestehen auf der korrekten Technik für ATS kommt also nicht daher, dass ich mich selbst für eine großartige Tänzerin halte. Im Gegenteil, ich lerne ja auch noch. Aber ich werde dabei nicht mehr auf den Etikettenschwindel selbsternannter ATS-Lehrerinnen herein fallen, die gar kein ATS unterrichten. Und ich will auch nicht nur schweigend zusehen, wenn Tänzerinnen diesen tollen Tanzstil verwässern und verfälschen!
Siehe dazu auch die Meinung einer der aktivsten ATS-Pionierinnen in Deutschland, Gabriella von Neas Tribal:
http://www.hagalla.de/Texte/Interviewtexte/Gabriella%20Interview,%201.html

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